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Interview mit Frau Weick - Leitung des Schülerhorts Nussbaumweg
Liebe Frau Weick, zunächst darf ich mich im Namen der Hoffnungsgemeinde ganz herzlich für Ihre langjährige Tätigkeit im Schülerhort Nussbaumweg bedanken. Sie gehören eigentlich schon zum "Inventar" dieser Einrichtung. Seit über 27 Jahren haben Sie im Nussbaumweg gearbeitet. Gerne möchte ich Ihnen - bevor Sie in den Ruhestand gehen - einige Fragen zu  Ihrer Arbeit und zum Schülerhort stellen. Welche Erfahrungen waren für Sie in den vielen Jahren am wichtigsten?
  Schuelerhort Weik GabiFrau Gabriele WeickIch habe 1990 bei der Hausaufgabenbetreuung im Nussbaumweg angefangen zu arbeiten. Damals hieß die Einrichtung Spiel und Lernstube. Seitdem hat es viele Veränderungen  gegeben, aber vieles ist auch noch erhalten geblieben. Daher sind wir sehr froh, dass es uns als Hort noch gibt. Bis 2016 war der Träger das Diakonische Werk. Seitdem ist es die Evangelische Kirchengemeinde.
Zu Beginn meiner Tätigkeit als Erzieherin hätte ich nie gedacht, dass ich fast 30 Jahre  bleiben würde. Die Zeit verging jedoch wie im Flug und es kommt mir rückblickend nicht lange vor. Das hängt bestimmt auch damit zusammen, dass es jeden Tag neue Situationen, Auseinandersetzungen, Überraschungen und vielseitige Herausforderungen gab. Dadurch entstand nur ganz selten ein Alltagstrott.
Oft haben mich die Bewohner/innen beeindruckt, wie sie mit nicht einfachen nachbarschaftlichen Beziehungen und Konflikten umgehen konnten. Belastungen, die in anderen Wohngebieten unter Umständen zu größeren Auseinandersetzungen führen können.
Und immer wieder haben mich die Kinder beeindruckt: Die Fähigkeit für sich zu sorgen, ihre Kreativität, die Bereitschaft zu teilen und trotz aller Konflikte zusammenzuhalten. Durch die Herausforderungen und Auseinandersetzungen entstanden besondere Beziehungen, die immer intensiv und spannend waren.
Was hat Ihnen bei Ihrer Arbeit geholfen?
  Der Schülerhort war immer eine kleine Einrichtung mitten im Wohngebiet. Durch diese Nähe lernt man sich schnell kennen und es sind viele persönliche Beziehungen zu den Bewohnerinnen entstanden. Fragen konnten immer schnell und unkompliziert geklärt werden.
Vor allem im Sommer spielt sich viel Leben draußen ab und ermöglicht einen lebendigen Austausch.
Die langjährigen Beziehungen zu den Kindern und Bewohner/innen haben mir eine feste Grundlage gegeben, und sehr geholfen auch manche stürmische Zeit zu überwinden. Die Erfahrung von Verlässlichkeit und belastbaren Beziehungen gaben Sicherheit und Vertrauen, Konflikte gut gemeinsam zu lösen.Und natürlich war ein ganz wichtiger Faktor in der Arbeit die sehr-gute Zusammenarbeit und die gegenseitige Unterstützung im Team, wodurch eine lange Kontinuität und eine hohe Qualität erst möglich war.
Die Kollegen haben die positive und familiäre Atmosphäre in der Einrichtung entscheidend geprägt.
Ein tolles Team, hohe fachliche Kompetenz und eine gute Portion Humor haben durch alle Höhen und Tiefen getragen. Daher gilt allen jetzigen und ehemaligen Mitarbeiter/-innen mein großes Dankeschön für die schöne Zeit im Nussbaumweg.
Was waren für Sie die größten Schwierigkeiten?
  Am Anfang dauerte es eine Zeit, um Fuss zu fassen und Vertrauen zu gewinnen, aber das ist schon lange her.
Im Alltag traten immer wieder die gleichen Fragen, Sachverhalte und Probleme auf. Wenn ich dachte, dass sei nun erledigt, bekam ich es später doch wieder in ähnlicher Form auf den Tisch. Manche Dinge brauchen eben mehr Zeit als erwartet. Ich habe daraus gelernt, niemals aufzugeben. Ein langer Atem hilft.
Was hat am meisten Spaß gemacht?
  Eindeutig die Freizeiten, die wir mit den Kindern unternommen haben. Jede Freizeit war ein Abenteuer für sich und hat unvergessliche Erinnerungen hinterlassen sowohl bei den Kindern als auch bei allen Mitarbeitern/-innen. Diese intensiven gemeinsamen Erlebnisse haben bleibende Beziehungen geschaffen.
Wie lange hatten Sie die Leitungsfunktion und wie hat sich die Arbeit im Laufe der Jahre verändert?
  Meine Tätigkeit als Leiterin begann 2001, nachdem ich eine Zusatzausbildung zur Heilpädagogin absolviert hatte.
Seither gab es, wie zu Beginn erwähnt, viele Veränderungen in der Einrichtung. Nach einer sehr ungewissen Zeit im Jahr 2016, als die Einrichtung geschlossen werden sollte, waren wir sehr froh, dass die evangelische Kirche unsere Einrichtung als Hort übernommen hat. Dies eröffnete uns viele neue Perspektiven und eine engere Zusammenarbeit mit der Hoffnungsgemeinde mit vielen positiven Erfahrungen. Die Unterstützung und Wertschätzung durch die Gemeinde sind ein wichtiger Rückhalt und eine bedeutende Bestätigung unserer Arbeit.
Die konzeptionellen Änderungen hin zu einem Hort, waren oft nicht einfach umzusetzen.
Zuvor waren wir ein offenes, kostenfreies Angebot für die Schüler des Nussbaumwegs und konnten sehr unbürokratisch und flexibel auf unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen eingehen.
Die Betreuung der Jugendlichen bis zum Schulabschluss und deren Unterstützung in allen Fragen des Übergangs zum Berufsleben waren ein wichtiger Bestandteil.
Nach der Umwandlung in einen Hort durften nur noch Schüler/-innen bis zum Alter von 14 Jahren aufgenommen werden. So konnten wir den wichtigen Bereich der Begleitung der Jugendlichen leider nicht mehr weiterführen, was wir immer noch sehr bedauern.
Wie sieht der alltägliche Ablauf in der Einrichtung aus?
  Im Moment besuchen 18 Kinder und Jugendliche im Alter von 6-14 Jahren den Hort.
Die Kinder kommen nach der Schule ab 12:00 Uhr und können bis 17:00 Uhr bleiben.
Ein Mittagessen gibt es nicht; die Kinder können sich jedoch immer ein Obst-Müsli für den kleinen Hunger machen. Zudem kochen wir ein bis zwei Mal in der Woche mit den Kindern zusammen.
Von 13:00 - 15:00 Uhr ist Hausaufgaben- und Lernzeit für alle Kinder,
in der es ruhig sein soll.
Der schulische Bereich umfasst eine intensive Förderung und Begleitung. Nach den Hausaufgaben vertiefen wir spielerisch Lerninhalte und berücksichtigen dabei, die Lernsituation eines jeden Kindes.
Von 15:00- 17:00 Uhr finden verschiedene Freizeitangebote wie Basteln, Kochen, Sport und kleine Ausflüge statt.
Dies ist für alle die wichtigste Zeit, in der ebenfalls noch intensives Lernen auf allen Ebenen stattfindet und wertvolle Erfahrungen in allen Entwicklungsbereichen gemacht werden.
Das gemeinsame Tun und Erfahrungen miteinander zu sammeln stehen hier an erster Stelle.
In den Ferien bieten wir von 9:00 - 17:00 Uhr ein Ferienprogramm mit vielen Ausflügen und Projekten an, die in dem Hortbeitrag mit eingeschlossen sind. An 28 Tagen im Jahr ist die Einrichtung geschlossen.
Wie sieht das Team aus?
 Schuelerhort TeamDas Team des Schülerhorts  Zurzeit sind wir drei Fachkräfte: ein Erzieher, ein Jugend- und Heimerzieher und eine Heilpädagogin. Dies gewährt eine hohe Qualität in der Betreuung.
Wir können sehr differenziert auf besondere Fragestellungen eingehen und jedes Kind in seinen individuellen Fähigkeiten unterstützen und fördern. Holger Riedt-Biedermann, mit dem ich auch schon mehr als 20 Jahre in der Einrichtung zusammenarbeite, ist ein Fels in der Brandung und verbreitet immer eine positive Stimmung und Leichtigkeit. Mit Ruhe und Gelassenheit kann er wie kein anderer so manche Konfliktsituation beruhigen und entschärfen. Immer wieder aufs Neue erklärt er den Kindern mit Begeisterung und einer Engelsgeduld die oft ungeliebten Hausaufgaben. Andreas Wenzel, der seit letztem Jahr im Team ist, begeistert alle Kinder mit seinen besonderen künstlerischen Fähigkeiten und fördert auf besondere Weise die Gabe der Kinder, ihre Kreativität zu entdecken und zu entwickeln. Genauso wie Holger hat Andreas einen unerschütterlichen Humor, der die Arbeit mit den Kindern und die Zusammenarbeit im Team leicht macht.
Warum ist diese Einrichtung vor Ort sinnvoll?
  Die überwiegende Mehrheit der Kinder lebt im Wohngebiet Nussbaumweg der Rheinstrandsiedlung und Oberreut. Fast alle Kinder kommen aus finanz-schwachen Familien. Ungleiche Bildungschancen sind unausweichlich. Dem versuchen wir durch eine gezielte Förderung und Unterstützung entgegen zu wirken und eine Verbesserung der Lebenssituation zu ermöglichen.
Ein weiterer wichtiger Eckpfeiler ist die Arbeit im Gemeinwesen, in der wir auf die Belange der Siedlung offen und flexibel eingehen können.
Als Einrichtung im Wohngebiet sind wir innerhalb unserer  Öffnungszeiten jederzeit erreichbar. Für Fragen, Sorgen und Anliegen der Eltern, Kinder und Anwohner sind wir oft erste Anlaufstelle und ein wichtiger Bezugspunkt.
Gemeinsame Aktivitäten wie das jährlich stattfindende Sommerfest, Elterncafés, Weihnachtsfeier und Ausflüge haben eine große Bedeutung für das Gemeinwohl im Wohngebiet.
Diese Funktion ist nach wie vor von sehr großer Bedeutung und hat trotz allen Veränderungen einen festen Platz behalten.
Noch eine persönliche Frage: Freuen sie sich auf den Ruhestand?
  Ich sehe meinem Ruhestand gleichzeitig mit einem weinenden und lachenden Auge entgegen. Einerseits freue ich mich auf meinen neuen Lebensabschnitt und die damit verbundene Freiheit und Flexibilität. Unter anderem plane ich mit meinem Mann viele Reisen zu unternehmen. Andererseits sind mir mein Team, die Kinder und Familien im Nussbaumweg über die vielen Jahre sehr ans Herz gewachsen und der Abschied fällt sehr schwer. Aber das Gute ist ja, dass ich jederzeit zu Besuch kommen kann.
Liebe Frau Weick, vielen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit. Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen für den Ruhestand.
Ihren beiden Kollegen Holger Ried-Biedermann und Andreas Wenzel wünsche ich weiterhin eine gute und erfolgreiche Arbeit im Schülerhort.
Das Interview führte Diakon Gerhard Eckerle